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Stories 17. Juni 2019

«Das neue Stellwerk ist die Basis für Zukunft Bahnhof Bern»

Am letzten Juniwochenende nimmt die SBB in Bern das grösste elektronische Stellwerk der Schweiz in Betrieb. Martin Jacomet ist Gesamtprojektleiter für die komplexe Umstellung im Herzen des Bahnhofs, das die Grundlage für «Zukunft Bahnhof Bern» bildet.

Im Interview erklärt er, was es mit der Umstellung auf sich hat und welche Auswirkungen sie auf Kunden und Anwohnerinnen hat.

Martin Jacomet, was ist eigentlich ein Stellwerk?

Stellwerke steuern alle Elemente, die zur sicheren, kollisionsfreien Fahrt eines Zuges nötig sind. Sie sorgen für das richtige Zusammenspiel von Weichen, Signalen, Gleisfreimeldungen und Bahnübergängen.

Weshalb ersetzt die SBB das alte Stellwerk?

Die neue Sicherungsanlage ist Basis für «Zukunft Bahnhof Bern». Die SBB plant überdies zusammen mit den ZBB-Partnern im Bahnknoten Bern Projekte wie die Entflechtungen in Holligen und Wankdorf Süd, welche die Gleisanlagen im Bahnhof Bern erheblich verändern. Diese Anpassungen lassen sich nicht mehr mit dem heutigen Relaisstellwerk umsetzen, da Eingriffe an den Stellwerkinnenanlagen aus den 1960er-Jahren mit einem sehr grossen Störungsrisiko verbunden sind.

Sperrt die SBB den Bahnhof für die Inbetriebnahme?

Nein, um das zu verhindern, arbeiten wir nachts und am Wochenende, da dann der Werktagsverkehr nicht betroffen ist. Einen Grossteil der Anlagen installieren und testen wir schon im Vorfeld, damit am Umstellungs-Wochenende vom 28. Juni bis 1. Juli alles möglichst reibungslos vonstattengeht. Einzelne Züge fallen aber aus – das ist unumgänglich bei einer so grossen Inbetriebnahme. Von 22 bis 6 Uhr ist der Einfluss auf den Bahnverkehr am grössten. Während dieser Zeit fallen Züge aus, werden umgeleitet oder durch Busse ersetzt. Reisende können aktuelle Informationen dem Online-Fahrplan entnehmen. Am Inbetriebnahme-Wochenende werden die Einschränkungen auf den im Abfahrtsanzeigern im Bahnhof Bern angezeigt.

Der Bahnhof Bern ist der zweitgrösste Bahnhof der Schweiz. Wie viele Züge steuert das Stellwerk täglich?

Das sind ca. 900 Züge pro Tag.

Wie viele Jahre Planung braucht so ein Projekt? Wie viele Menschen sind daran beteiligt?

Die Planung dauerte knapp drei Jahre, von Anfang 2014 bis September 2016. Im September 2016 haben wir mit den Bauarbeiten begonnen.
Für die Projektierung waren ca. 25 Personen beteiligt. Den grössten Arbeitsaufwand hatten wir in den Fachbereichen Sicherungsanlagen, Kabelanlagen, Architektur und technische Anlagen.

Wie hoch sind die Kosten?

Die Kosten für das Gesamtprojekt Umstellung Stellwerk betragen 73,9 Millionen Franken.

Das Projekt ist eine der grössten Stellwerkumstellungen der letzten Jahrzehnte. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie schon deswegen?

(Lacht) Da ich auf ein kompetentes Projektteam zählen kann, ist mir das bis jetzt erspart geblieben. Die einzigen schlaflosen Nächte werde ich während der Inbetriebnahme haben, da ich sicherlich in der einen oder anderen Nacht dabei sein werde.

Was sind die grössten Herausforderungen?

Die alten Signale zu demontieren, ohne die neuen zu beschädigen. Und dann haben wir eine beschränkte Reserve an Rangierloks. Eine weitere Herausforderung ist, die Weichenantriebe und Gleisfreimelder von der alten Stellwerkinnenanlage auf die neue umzuschalten.

Beim Wort Stellwerk denkt man schnell an „Stellwerkstörung“. Wie hoch ist das Risiko, dass etwas schief geht?

Bei der Inbetriebnahme einer solch komplexen Stellwerkanlage besteht immer das Risiko einer Störung. Wir haben jedoch Massnahmen getroffen, um sofort reagieren zu können. Wir haben ein gutes Kommunikationskonzept und Spezialisten aller Fachbereiche stehen über die gesamte Dauer der Inbetriebnahme im Einsatz. Alle Gruppen haben Reserven eingeplant.

Können die Reisenden die Umstellung beobachten?

Ja, in den Nächten wird man ein reges Treiben auf und zwischen den Gleisen sehen. Da werden Rangierloks mit Flachwagen auf den Schienen verkehren, und den Monteuren kann man beim Demontieren der alten Signale zuschauen. Insgesamt werden 160 Personen im Einsatz sein.

Die Arbeiten finden in der Nacht statt. Wird das laut?

Nein, die Lärmbelastung wird nicht viel grösser sein als bei den üblichen Rangierarbeiten. Ab und zu wird man die sporadischen Warnsignale der Sicherheitswärter hören können.

Martin Jacomet (rechts) kann sich auf kompetente Mitarbeiter verlassen.

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