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Stories 16. Juli 2020

Baustelle Hirschenpark: «Wir rechnen mit 20 Millionen Jahre alten Fossilien»

Ursula Menkveld ist Kuratorin Paläontologie am Naturhistorischen Museum Bern. Im Gespräch erzählt sie, warum die Baustelle Hirschenpark, von wo aus der Zufahrtstunnel für den neuen RBS-Bahnhof gebaut wird, aus paläontologischer Sicht faszinierend ist.

Frau Menkveld, Sie sind als Paläontologin eng in die Bauarbeiten für den neuen RBS-Bahnhof involviert. Wie kommt das?

Bei anderen Baustellen in denselben Gesteinsschichten wurden Fossilien entdeckt. Das sind wissenschaftlich interessante Funde. Das Naturhistorische Museum nimmt die Interessen des Amts für Landwirtschaft und Natur (LANAT), dem gesetzmässigen Eigentümer solcher Funde, wahr. Wenn etwas gefunden wird, wird das Objekt gesichert, präpariert, wissenschaftlich untersucht und für den Kanton Bern aufbewahrt.

 

Wurden bei den aktuellen Bauarbeiten im Hirschenpark bereits Fossilien gefunden?

Vereinzelte Knochenreste sowie ein halber Zahn wurden schon entdeckt. Auch Pflanzenreste sowie versteinerte Landschnecken sind aufgetaucht. Die Knochen stammen vermutlich von einer Schildkröte. Wir haben den Verdacht, dass diese von etwas «Grösserem» gefressen worden ist, da wir nur Fragmente von Knochen fanden. Genauere Rückschlüsse sind aber schwierig. Gemäss Erfahrungswerten von ähnlichen Funden in der Region gehen wir von einem Alter der Funde von etwa 20 Millionen Jahren aus. Damit die Gesteine aber genauer datiert werden können, brauchen wir bestimmbare Reste von Wirbel- oder Säugetieren.

 

Bereits beim Bau der Tiefenaustrasse im Jahr 1850 wurde ein Schädel eines seltenen frühzeitlichen Nashorns entdeckt. Angenommen ein ähnlich sensationeller Fund käme auf der Baustelle Hirschenpark zum Vorschein, welche Auswirkungen hätte dies auf die laufenden Bauarbeiten?

Viele haben verständlicherweise häufig Angst, dass die Baustellen in einem solchen Fall über Monate brachliegen. Dies ist jedoch überhaupt nicht der Fall. Die Gesteinsschichten sind in der Regel so abgelagert worden, dass die Funde in den meisten Fällen sehr konzentriert an einer lokalen Stelle auftauchen. Entsprechend können wir an dieser Stelle arbeiten und die übrigen Bauarbeiten werden nicht gestört. Zudem achten wir darauf, dass wir nach Möglichkeit ausserhalb der Bauzeiten – zum Beispiel am Mittag – auf die Baustelle gehen und niemanden stören. Das ist auch für uns weniger gefährlich.

 

Auf der Baustelle wird intensiv und mit grossen Baumaschinen oft auch unter hohem Zeitdruck gearbeitet. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Fossilien nicht als solche erkannt und versehentlich beschädigt werden. Gibt es Massnahmen vor Ort, damit dies verhindert werden kann?

Wir haben die Baufachleute letzten Herbst vor Ort auf der Baustelle zusammen mit der Baustellenleitung und Geologen geschult. Insbesondere haben wir Funde mitgebracht, um zu zeigen, auf welche Merkmale sie sich achten sollen. Zudem sind wir auch auf regelmässige Proben vom Aushubmaterial angewiesen, da sich darin häufig kleinere Funde wie Zähne befinden.

Eine versteinerte Landschnecke, welche auf der Baustelle Hischenpark entdeckt wurde.

Mit welchen Funden könnte denn in Zukunft noch gerechnet werden?

Dank Funden von anderen Baustellen kennen wir in etwa das Spektrum der damaligen Artenvielfalt. So wurden früher zwei verschiedene Nashörner entdeckt, Hirsche, Schweine, Marder, Schildkröten, verschiedene Schnecken, Eidechsen oder auch Pflanzenreste. Solche Funde sind auch hier wieder möglich und helfen uns den Lebensraum von vor rund 20 Millionen besser zu rekonstruieren und zu verstehen. Wir freuen uns natürlich über alles, was noch zum Vorschein kommt.

 

Was geschieht eigentlich mit gefundenen Fossilien? Werden diese öffentlich ausgestellt?

Die Funde werden vor allem für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Sollten attraktive Fossilien entdeckt werden, könnten diese in einer geplanten, neuen paläontologischen Ausstellung dem Publikum gezeigt werden.


Das Naturhistorische Musuem Bern ist seit 11. Mai 2020 wieder geöffnet: https://www.nmbe.ch/de

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